Stars von Gestern: Leslie Howard

Stars von Gestern: Leslie Howard

Vom dem amerikanischen Produzenten David O. Selznick war Leslie Howard zusammen mit seiner englischen Kollegin Vivien Leigh für die Verfilmung von Margaret Mitchells Bestseller “Vom Winde verweht” für eine Hauptrolle verpflichtet worden. Der schlanke, blonde Engländer stand aber im Schatten des Rhett-Butler-Darstellers Clark Gable. In einer Kritik hieß es, daß Leslie Howard gegenüber Clark Gable “in seiner vornehmen Zurückhaltung fast etwas blaß” wirke. Howard spielte in diesem äußerst erfolgreichen Film den Jugend-freund Scarletts, der mit deren Freundin Melanie — dargestellt von Olivia De Havilland — die Ehe eingegangen war und einen besinnlichen, zurückhaltenden Mann verkörperte.

Noch vor “Vom Winde verweht” hatte Selznick den englischen Schauspieler als Partner Ingrid Bergmans für “Intermezzo” (1939) ausgewählt; er spielte einen Violonisten, der mit d er Musiklehrerin seiner Tochter ein Verhältnis eingeht.
Der am 3. April 1893 in London geborene Leslie Howard (er war ungarischer Herkunft und hieß eigentlich László Steiner) wurde 1930 von der MGM nach Hollywood geholt und machte sein Filmdebüt in “Outward Bound”. 1932 übertrug ihm der aus Ungarn stammende Regisseur und Produzent Alexander Korda die Hauptrolle in seinem ersten englischen Film “Reserved for Ladies”.
Howard hatte schon seit 1920 auf Londoner Bühnen gestanden, später auch am Broadway gespielt und in Klassiker-Aufführungen wie in Inszenierungen zeitgenössischer Dramen brilliert. Nach großen Filmer folgen in “Der Menschen Hörigkeit” (1934, nach S. Maugham) und George Cukors “Romeo und Julia” mit Norma Shearer als Partnerin gab Howard das Theater ganz auf. Er kehrte zwischen den Hollywood-Filmen regelmäßig nach England zurück und wirkte u.a. in “Die scharlachrote Blume” mit, einem der amüsantesten englischen Filme, der “Leslie Howard seine besten Texte lieferte”. Er spielte die Rolle des legendären, unangreifbaren Sir Percy, eines Helden der französischen Revolution. 1939 führte er erstmals Regie. Zusammen mit Anthony Asquith setzte er Shaws Schauspiel “Pygmalion” in ein glänzendes Filmlustspiel um und spielte den Higgins. Die Auftritte des stets reservierten englischen Schauspielers wurden von Zurückhaltung und und einer gewissen Bescheidenheit, aber auch einem starken Selbstbewußtsein getragen. Howard war immer darum bemüht, sich nicht auf einem bestimmten Typ festlegen zu lassen, und er versuchte sich in dramatischen wie in heiteren Genres. Seine zurückhaltende Mimik und seine sparsame Gestik wirkten in der Charakterisierung der darzustellenden Gestalten sehr überzeugend und vor allem sensibel. Seine Figuren trugen stets ein besonderes Profil.
Vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges kehrte Howard nach England zurück, wirkte noch in dem Film “Der 42. Breitengrad” mit und ging dann zur Luftwaffe.
Am 1. Juni 1943 wurde er auf einem Flug von Lissabon nach England abgeschossen.

J.R.

(Filmspiegel n. 19, 1987)