Schauspiel ohne Schauspieler (1928)

Schauspiel ohne Schauspieler

von Leslie Howard

Es ist eine bekannte Tatsache, daß Theaterdirektoren in der Ausübung ihres reinidealen Berufes einzig und allein von den Schauspielern gehemmt werden. In einer Zeit, die alle Vorurteile überrennt, will nun der amerikanische Schriftsteller Leslie Howard den Beweis erbringen, daß der Schauspieler für das Theater keine Notwendigkeit mehr bedeutet. Zu diesem Zwecke hat er ein Stück geschrieben, in dem kein Schauspieler aufzutreten braucht. Er hofft hierdurch eine neue Aera für das Theater einzuleiten.

DIE YACHTMÜTZE

1. Szene
London. Schlafzimmer von Mr. und Mrs. Burlington-Smith. Ein schönes stilisiertes Schlafzimmer. Doppelbetten. Ein Tür links führt ein Badzimmer (es muß ein Badzimmer sein, da man durch die offene Tür ein Bad sehen kann). Eine andere Tür recht. In der Mitte offene Fenster. Die Uhr schlägt 8. (Daß es 8 Uhr abends ist, gehet daraus hervor, daß Licht brennt und es draußen dunkel ist). Zwei männlich außehende Handkoffer und eine Golftasche sind auf der Erde in der Mitte der Bühne. Die Handkoffer sind in großen Buchstaben mit H. Burlington-Smith gezeichnet. Auch sind sie mit frischen Gepäckadreßen beklebt, auf denen Paris steht. (Also fährt Mr. Burlington-Smith nach Paris). Auf dem Nachttisch zwischen den Doppelbetten stehen zwei Photographien. Die eine zeigt eine entzückende junge Dame – die andere einen würdige Herren etwa 45, ziemlich kahl.
Wenn das Publikum genügend Zeit gehabt hat, Schlußfolgerungen zu ziehen, fällt der Vorhang.

2.Szene
Bühnenbild wie vorher. Eine Stunde später, da die Uhr 9 schlägt. Mr. Burlington-Smith’s Gepäck ist fort. Von der Straße her ertönt ein greller Pfiff. (Diejenigen aus dem Publikum, die in London waren, wißen sofort, daß ein Portier nach einer Autodroschke pfeift. Ein unverkennbarer Ton. Das Pfeifen eines New-Yorker Polizisten klingt dagegen wie Flötenspiel. Diejenigen aber, die London nicht kennen, könnten meinen: ein Raubüberfall, was ebenso unterhaltsam wäre. Einige Augenblicke später ertönt eine Autohupe, eine Tür wird in der Ferne zugeschlagen. Vorhang.

3. Szene
Bühnenbild wie vorher. Zwei Stunden später, da die Uhr 11 schlägt. Die Vorhänge neben den Betten sind zugezogen. Die Bettdecke auf einem der Betten ist zurückgeschlagen. Ein Nachthemd liegt auf dem Bett. Damenpantoffeln stehen da. Das Bild des kahlen, würdigen Herrn liegt nun auf der Erde. Auf dem Nachttisch steht statt deßen die Photographie eines jungen Herrn mit Yachtmütze. Vorhang.

4. Szene
Bühnenbild wie vorher. Es muß Mitternacht sein, da die Uhr 13 schlägt. (Ein entschuldbarer Rechenfehler des Regißeur, der in diesem Stück überlastet ist.) Das Nachthemd, das in der vorhergehenden Szene auf Mrs. Burlington-Smith’s Bett lag und die Pantoffeln, die vor dem Bett standen, sind nicht mehr zu sehen. Vie Vorhänge sind rauh beiseite gezogen worden, einer von ihnen ist halb heruntergerissen. Draußen auf dem Balkon klatscht der Regen. Auf der Erde vor dem Fenster liegen zwei leere Gin-Flaschen. Naße Fußspuren führen unsicher vom Balkon zum Bett, das nicht aufdeckt war, (zum Bett von Mr. Smith, wie man richtig erraten wird.) Die Bettdecke ist ziemlich zerdrückt, eine Schiffmütze liegt auf ihr. Das Bett von Mrs. Smith war benutzt und die Decken sind beiseitegeworfen, als ob plötzlich jemand aufgesprungen wäre. Die Tür des Badezimmers ist geschlossen. Vorhang.

5. Szene
Bühnenbild wie vorher. Die Bühne ist vollkommen dunkel. Das Publikum sieht nichts. Es kann also beliebige Schlussfolgerungen ziehen. Die Uhr schlät 1. (Das kann jeder Regisseur bewerkstelligen). Vorhang.

6. Szene
Das Ende eines Bahnsteigs. Eine große Lokomotive und ein Teil des Pullmann-Wagens ist sichtbar. (Hoffentlich ist beachtet worden, das nicht ein einziger Schauspieler in diesem Stück nötig ist. Es werden nur einige einfache Requisiten verlangt, wie z.N. eine Lokomotive etc.) Auf dem Pullman-Wagen sieht geschieben: Continental-Express, London-Folkestone. Das Gepäck von Mr. Brulington-Smith steht auf dem Bahnsteig neben dem Zug. Die Räder der Lokomotive bewegen sich schnell. Viel Dampf strömt aus dem Schornstein der Lokomotive. Aber die Lokomotive steht still. Einen Augenblick hört das Drehen der Räder und der Dampf auf, um mit noch groößerer Stärke wieder einzusetzen, ohne daß der Zug dadurch in Bewegung gesetzt wird. Dieses wiederholt sich verschiedene Male, bis die Lokomotive endlich mit lautem Knall in die Luft fliegt. (Diese Explosion erfordert einen erfahrenen Regisseur und muß vorsichtig gehandhabt werden, damit das Publikum nicht verletzt wird). Vorhang.

7. Szene
Bühne wie vorher. Der Zug stet immer noch, aber Mr. Smth’s Gepäck ist fort. (Nötigenfalls können verschiedene Lokomotiven explodiert sein, wenn, nur klar hervorgeht, daß auf der Eisenbahn nicht alles in Ordnung ist). Vorhang.

8. Szene
Die Zähl-Uhr einer Autodroschke in riesiger Vergrößerung nimmt die ganze Bühne ein. Vor ihr siehen die Handkoffer vom Mr. Smith. Jede Sekunde steigt der Zähler um einen Schilling (dieses ist eine symbolische Szene. Überhaupt ist diese Art des Dramas für Symbolik besonders geeignet.) Eine Turmuhr schlägt 2. Vorhang.

9. Szene
Wieder das Schlafzimmer des Ehepaars Smith. Dunkel wie in Szene 5. Man sieht nichts. Die Uhr schlägt 2. Vorhang.

10., 11., 12. und 13. Szene
Diese bestehen aus schnellem Wechsel zwischen Szene 8 und 9. Wir jagen zwischen Autozähl-Uhr und Schlafzimmer hin und her. Diese Verwandlung kann beliebig lange vorgenommen werden, bis das Publikum in zitternde Erregung gerät. (das nennt man: “Spannung” und ist eine Technik, die ich gelegentlich bei Filmstücken beobachten konnte). Vorhang.

14. Szene
Wenn das Publikum durch die Spannung der vorhergehenden Szenen genügend vorbereitet ist, wird es für den Höhepunkt in das Schafzimmer zurückversetzt.
Alles dunkel wie vorher. Eine zeitlang geschieht nicht. Dann wird die Tür zur rechten langsam geöffnet. Licht strömt herein. Bei seinem Schein Kann man sehen, daß beide Betten besetzt sind. (Nicht etwa durch Schauspieler. Zusammengeballter Stoff genügt). Die Schlafenden haben die Bettdecken bis über die Ohren gezogen. (Ich vergaß anzugeben, daß die Nacht eisig kalt ist). Dann werden Mr. Smith’s Handkoffer hereingeschoben. (Regisseur muß einen langen Arm haben). Ein langer Schatten fällt über die Bettn. (Regisseur muß groß sein). Dann folgen zwei Pistolenschüsse in schneller Folge. Pause. Ein dritter Schuß – und ein dumpfer Fall. (Regisseur fällt hin). Vorhang.

Ende

Es leuchtet ein, wie einfach diese Art Drama ist. Man braucht keinen einzigen Schauspieler. Nur einen energischen Regisseur mit zweckentsprechendem Äußeren. (Niemand wird einen Regisseur als Schauspieler bezeichnen.) Vor allem ist der dramatische Aufbau des Stückes von durchsichtiger Klarheit. Nur eines konnte ich nicht genügend hervorheben: nämlich, daß der junge Mann mit der Yachtmütze der Sohn der Mrs. Burlington Smith aus erster Ehe ist. Ein wilder Junge von 17 bis 18 Jahren, der zur See ging, sich dem Trinken ergab und nun unerwartet nach Hause züruck-kehrt, un sich etwas Geld von seiner Mutter zu leihen. Er hat gehört, das sein Stiefvater (den er haßt) gerade unterwegs ist.
Das Publikum, das von dieser kleinen Einzelheit über den sohn mit der Yachtmütze nichts weiß, wird allerdings etwas irregeführt, ebenso wie Mr. Smith selbst – allerdings nur im Stück – getäuscht wurde. Aber schließlich kann eine Anmerkung im Programm die notwendige Aufklärung geben oder auch nich, (je nach Geschmack der Spielleitung), wodurch eine köstlich prickelnde Wirkung erzielt werden kann.
Jedenfalls habe ich gezeigt, was ich wollte. Es gibt Schauspiele ohne Schauspieler.

(Aus der Amerikanischen Zeitschrift “Vanity Fair”. Deutsch von Elisabeth v. Schmidt-Pauli)

Traduzione italiana – Italian translation